Zwischen Stahlbetonneubau und Barockpalais: Die Wien-Exkursion 2026
15. Oktober 2026
Die Exkursionsteilnehmerinnen und -teilnehmer und Studierende der Bayerischen Archivschule vor der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, Foto: Thomas Gehl, Bayerisches Hauptstaatsarchiv
Vom 31. August bis zum 4. September 2026 führte die diesjährige Exkursion den 60. Wissenschaftlichen Lehrgang und den 63. Fachhochschullehrgang der Archivschule Marburg gemeinsam mit ihren Mentoren Dr. Dominik Haffer und Prof. Dr. Thomas Henne nach Wien. Auf dem Programm standen fünf Tage mit Besuchen in Archiven unterschiedlicher Träger und Überlieferungsprofile, darunter ein Diözesan-, ein Staats-, ein Universitäts- und ein Stiftsarchiv.
Montag, 31. August 2026: Archiv des Bistums Passau
Im Magazin des Archivs des Bistums Passau, Foto: Thomas Henne
Der Hinweg führte über Passau, wo am frühen Nachmittag das Außenmagazin des Archivs des Bistums Passau besichtigt wurde. Der 2016 eingeweihte Neubau entstand auf einem ehemaligen Brauereigelände in Passau-Hacklberg und ist auch architektonisch bemerkenswert: Der grob verputzte Stahlbetonbau steht aus Gründen des Hochwasserschutzes auf Stelzen und erinnert von außen je nach Sichtweise an eine Hand oder an einen Fisch. Im Inneren fällt ein purpurner Bodenbelag auf, der sich über sämtliche Etagen und Räume zieht.
Nach einer Stärkung, die das Diözesanarchiv dankenswerterweise vorbereitet hatte, führten Christoph Sachser, M.A. M.A. und Niklas Stöckl, B.A. in zwei Gruppen durch die mit Rollregalen ausgestatteten Magazinräume sowie den Technikraum. Erläutert wurden dabei sowohl bautechnische Details als auch die Bestandsstruktur des Hauses: Das Ordinariatsarchiv befindet sich am Passauer Domplatz, während im Außenmagazin rund 95 Prozent der 305 Pfarrarchive des Bistums zentral verwahrt werden. Ergänzend zur Geschichte des Bistums wurden ausgewählte Archivalien vorgestellt, unter anderem ein Fotoalbum und ein Tagebuch aus unterschiedlichen Nachlässen, ein Ratsprotokollbuch von 1681 mit rund 150.000 Seiten sowie ein Personenstandsregister, das ein Pfarrer mit eigenen Malereien versehen hatte.
Nach dem Besuch des Diözesanarchivs wurde die Fahrt fortgesetzt. Die Gruppe erreichte am späten Nachmittag Wien.
Dienstag, 1. September 2026: Haus-, Hof- und Staatsarchiv sowie Universitätsarchiv Wien
Der Vormittag gehörte dem 1749 von Kaiserin Maria Theresia gegründeten Haus-, Hof- und Staatsarchiv am Wiener Minoritenplatz, einer Außenstelle des Österreichischen Staatsarchivs. Der Direktor, Hofrat Mag. Thomas Just, und zwei Mitarbeitende begrüßten die Studierenden der Archivschule im Foyer des neobarocken Palais und skizzierten einleitend die Entwicklung des ursprünglich als Herrschaftsarchiv des Hauses Habsburg gegründeten Archivs. Heute handelt es sich um ein historisches, nicht mehr wachsendes Archiv, dessen Bestände mit dem Jahr 1918 enden; jüngeres Behördenschriftgut wurde an das Archiv der Republik abgegeben, das auch für die laufenden Aktenübernahmen zuständig ist. Ungeachtet seines Charakters als Auslesearchiv weist das Haus eine hohe Benutzungsfrequenz auf und ist für die historische Forschung von erheblicher Bedeutung.
Magazin des Haus-, Hof- und Staatsarchivs Wien, Foto: Nina Pösch
Die anschließende Führung durch das elfgeschossige Magazin, eine freitragende Eisen-Stahl-Konstruktion mit dekorativ gestalteten Regalseiten und Gitterböden, die den Blick in das jeweils darunterliegende Geschoss freigeben, verband mehrere fachliche Schwerpunkte. Auf der Etage mit den Akten des Reichshofrats und des Reichskammergerichts wurde in Form einer aktenkundlichen Lehreinheit die Arbeitsweise einer Kollegialbehörde nachvollzogen. Auf einer weiteren Etage standen Fragen der Bestandserhaltung sowie die Digitalisierungsstrategie des Archivs im Mittelpunkt: Die Digitalisierung der Findmittel erweist sich dabei als doppelter Gewinn, da sie den Nutzenden die Onlinerecherche eröffnet und zugleich die Originale schont. Der Weg führte vorbei am Habsburgischen Familienarchiv und am Archiv des Ordens vom Goldenen Vlies, die beide hinter verschlossenen Türen liegen, zur Urkundenetage mit rund 80.000 chronologisch geordneten Stücken. Diese lagern stehend in Kisten von 25 Kilogramm Gewicht, ursprünglich, um sie im Ernstfall mitnehmen zu können, und werden bewusst nicht plan gelegt, sondern in ihrer ursprünglichen gefalteten Form belassen. Der Rundgang endete im Magazin, in dem überlieferte Apothekenrezepte archiviert werden, darunter jenes für die Schönheitscreme der Kaiserin Elisabeth.
Nach einer kurzen Mittagspause empfing die Leiterin des Universitätsarchivs Wien, Mag. Mag. Dr. Nina Knieling, die Gruppe im Festsaal der Alten Universität, dem ehemaligen Refektorium der Jesuiten. Ihre Präsentation gab einen Überblick über die Geschichte der Universität, die Entwicklung des Archivs und dessen Bestände.
Dr. Dominik Haffer (Archivschule Marburg) und die Leiterin des Universitätsarchivs Wien, Mag. Mag. Dr. Nina Knieling, Foto: Thomas Henne
Als zentrale Herausforderung benannte sie die digitale Transformation. Die Übernahme und dauerhafte Sicherung digitaler Bestände stelle sich als fortwährende Frage technischer und personeller Ressourcen dar; die Verankerung eines digitalen Records Managements in den Rektoraten setze unterstützende Stakeholder voraus, damit archivische Anliegen Gehör fänden. Die DSGVO wirke dabei insofern förderlich, als sie archivische Ansprüche stütze. Das Archiv müsse, so das Fazit, aktiver auf die Rektorate zugehen, um die notwendige Aufmerksamkeit zu erzeugen. Mit dem bereits vollzogenen Wechsel des Archivinformationssystems von Scope zu AtoM nimmt das Haus in Österreich eine Vorreiterrolle ein; die Migration bildet zugleich die Grundlage für den Aufbau eines digitalen Archivs in den Jahren 2026 bis 2028.
An eine Fragerunde schloss sich die Präsentation ausgewählter Archivalien an, darunter juridische Studienbücher, Promotionsprotokolle der Juristen, ein großformatiges Porträt eines Professors mit seinen Schülern sowie ein Akt des akademischen Senats samt Protokoll und Index.
Mittwoch, 02. September 2026: Wiener Stadt- und Landesarchiv sowie Soproner Stadt- und Komitatsarchiv
Der Mittwoch führte die Gruppe zunächst mit dem Bus zum Wiener Stadt- und Landesarchiv, das seit 2001 im „Gasometer D“ im 11. Wiener Gemeindebezirk Simmering untergebracht ist, einem der vier revitalisierten historischen Gasbehälter, die heute u. a. Wohnungen und eben das Archiv beherbergen. Direktorin Mag. Dr. Brigitte Rigele stellte gemeinsam mit dem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Mag. Hannes Tauber die Struktur des Hauses vor: Jährlich werden rund 18.000 Aushebungen durchgeführt, davon etwa 1.000 aus dem behördlichen Bereich. Neben der Archivierung des Verwaltungsschriftguts betreut das Haus auch die Landtags- und Gemeinderatsdokumentation in Form einer reinen Dokumentations- und Registerfunktion; allein die Anfragen zu den historischen Meldeunterlagen belaufen sich auf etwa 800 im Monat. Einen Schwerpunkt bildet zudem die Behördenberatung, aktuell insbesondere im Rahmen des Projekts GEMMA (Gemeinsame elektronische Aktenführung im Magistrat), mit dem die automatisierte Aussonderung von Akten direkt aus dem elektronischen Aktensystem (ELAK) heraus etabliert werden soll – ein weiterer Baustein auf dem Weg zum digitalen Archiv. Das Archiv beschäftigt über 70 Mitarbeiter/innen, von denen ein gutes Dutzend ein Archivstudium absolviert hat. Bewusst verzichtet das Haus auf ein umfassendes Dokumentationsprofil zur Überlieferung des gesellschaftlichen Lebens Wiens, dafür gebe es genügend andere Archive in der Stadt; gleichwohl werden Nachlässe von Politiker/innen und mitunter auch von Wissenschaftler/innen sowie eine Foto- und Filmsammlung verwahrt.
Bei der anschließenden Hausführung fiel im Magazin ein noch original erhaltener Bestand von Laden mit historischen, phonetisch sortierten Meldeunterlagen auf, dem eine erhebliche biographische Bedeutung zukommt. Insgesamt lagern im Haus rund sieben laufende Kilometer Archivgut; als weitere ergiebige Quelle wurden die Findelbücher vorgestellt. Ein eigener Arbeitsschwerpunkt liegt auf der Digitalisierung fragiler und überformatiger Bestände, wobei auch die stark nachgefragten Grundbücher einen wichtigen Anteil an der Benutzung haben.
Im Anschluss ging die Fahrt mit dem Bus weiter nach Sopron (deutsch Ödenburg), wo zunächst eine Mittagspause auf dem Programm stand. Die heute gut 60.000 Einwohner zählende Stadt liegt im äußersten Westen Ungarns nahe der österreichischen Grenze und gehört zum Komitat Győr-Moson-Sopron. Sopron war bis zum Zerfall Österreich-Ungarns 1918 Teil der Habsburgermonarchie; die überwiegend deutschsprachige Bevölkerung des Umlands wurde 1919 im Vertrag von Saint-Germain zunächst Österreich zugesprochen, doch eine Volksabstimmung im Dezember 1921 entschied den Verbleib Soprons bei Ungarn, seither führt die Stadt den Ehrentitel „Die Getreueste“. Im Komitatsarchiv Sopron führte Dr. Róbert Fiziker die Gruppe kurzweilig durch das Haus. Einen festen Platz in der Arbeit des Hauses nehmen Ausstellungen ein, die auf gute Nachfrage stoßen; aktuell zeigt das Archiv die Ausstellung „Kaiser und König Karl – Leben und Gedächtnis“ zu Karl I. von Österreich (bzw. Karl IV. als König von Ungarn), der von 1887 bis 1922 lebte und der letzte Herrscher der Doppelmonarchie war. Auch insgesamt kann das Archiv gute Nutzungszahlen vorweisen. Besonders spannend waren die Ausführungen der Archivleitung zum ungarischen Regierungswechsel und dessen Auswirkungen auf Archivarbeit und -nutzung.
Besichtigung von Archivalien im Soproner Stadt- und Komitatsarchiv, Foto: Thomas Henne
Donnerstag, 3. September 2026: Stiftsarchiv Melk
Am Donnerstagmorgen hieß es Abschiednehmen von Wien. Bei strahlendem Sonnenschein ging es früh in Richtung München, mit einem Zwischenstopp in Melk. Im Innenhof des ausgedehnten Gebäudekomplexes empfing die Archivarin Monika Permoser die Teilnehmenden. Über den kleinen Besucherraum, der kaum mehr als einem Nutzenden Platz bietet, führte der Weg in das Büro der Archivarin, wo zunächst die Doppelfunktion des Stifts als Kloster mit 22 Mönchen und als Schul- und Wissenschaftsbetrieb erläutert sowie die Entwicklung des Archivs vorgestellt wurde. Ursprünglich als Selektarchiv in Melk und Wien angelegt und um ein drittes, als Wirtschaftsarchiv bezeichnetes Wiener Archiv erweitert, wurden die Wiener Bestände 1935 nach Melk transferiert. In den 1970er Jahren erfolgte durch einen Diözesanarchivar eine Neuordnung mit Inventarerstellung. Seit dem Jahr 2000 befindet sich das Archiv des Benediktinerstifts in den heutigen Räumen, das seit 2018 von Pater Ludwig Wenzl geleitet wird.
Der Rundgang führte durch mehrere Depoträume eines Gewölbekellers: Vorbei an einer Rollregalanlage, in der 90 verschiedene Bestände verwahrt werden, erfolgte der Gang durch die Registratur und die sich anschließenden Sammlungsräume, in denen unter anderem eine biologische und eine archäologische Sammlung betrachtet werden konnten, auf die auch die Lehrkräfte des Gymnasiums für den Unterricht zurückgreifen können. Zum Abschluss wurden die Studierenden der Archivschule in den sonst nicht öffentlich zugänglichen Festsaal des Prälaten geführt. In dem repräsentativen Prunksaal mit Deckenfresken und unzähligen Gemälden stellte Frau Permoser ausgewählte Archivalien vor: das Tagebuch eines Priors, einen seit 1537 fortgeführten Katalogus sämtlicher Melker Mönche, den Stiftsbrief von 1113 sowie ein Schreiben Napoleons an seinen im Stift einquartierten General. Für Heiterkeit sorgten ein „Buch der Ehre“ und ein „Buch der Schande“ als Vorläufer des Klassenbuchs, in das die Schüler ihre Verfehlungen seinerzeit eigenhändig einzutragen hatten.
Im Anschluss bestand Gelegenheit, Museum, Bibliothek und Stiftskirche eigenständig zu besichtigen, bevor die Fahrt fortgesetzt wurde. Am Abend erreichte die Gruppe München, wo ein fachlicher Austausch mit Studierenden und Dozierenden der Bayerischen Archivschule München den Tag beschloss.
Freitag, 4. September 2026: Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns
Am letzten Tag der Exkursion stand nach dem letzten Exkursionsabend der Besuch der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns auf dem Programm, die ihren Sitz in der Schönfeldstraße 5 hat. Dr. Michael Unger eröffnete die Präsentation mit einem Überblick über die Staatlichen Archive Bayerns. Dabei wurde deutlich, dass die Organisation in Bayern insgesamt keineswegs einheitlicher ist als in den übrigen Bundesländern, so gibt es etwa keine bayernweit einheitliche elektronische Akte. Anhand des Organisationsplans der Staatlichen Archive Bayerns zeigte sich, dass der Generaldirektion das Bayerische Hauptstaatsarchiv in München sowie acht Staatsarchive (Amberg, Augsburg, Bamberg, Coburg, Kitzingen, Landshut, München, Nürnberg) nachgeordnet sind, zusammen also neun staatliche Archive. Die Bayerische Archivschule wiederum ist als unselbstständige Organisationseinheit in die Generaldirektion eingegliedert.
Im zweiten Teil widmete sich Frau Sabine Frauenreuther der Ausbildung. Sie stellte die Ausbildungsgänge für den gehobenen und den höheren Dienst vor und zeichnete zunächst die Geschichte der Archivschule München nach: Diese besteht bereits seit 1821, zunächst als nachuniversitäre Ausbildung für wissenschaftliche Archivare; die Ausbildung des gehobenen Dienstes kam 1924 hinzu, die des mittleren Dienstes 1973. Die Ausbildung zum gehobenen Dienst, der 3. Qualifikationsebene, findet neben der Archivschule München auch an der Hochschule für den öffentlichen Dienst, Fachbereich Archiv- und Bibliothekswesen, statt. Die Anwärter/innen kommen überwiegend aus den staatlichen Archiven, ergänzt um Gastteilnehmer/innen aus kommunalen und kirchlichen Archiven; im staatlichen Bereich richtet sich die Ausbildung nach dem jeweiligen Bedarf, die Kursgröße liegt zwischen 10 und 17 Personen. Die vermittelten Themen entsprechen weitgehend denen in Marburg, ebenso die Zulassungsvoraussetzungen von Abitur und Kleinem Latinum. Anders als in Marburg ist die Ausbildung in München jedoch nicht in große Theorie- und Praxisblöcke gegliedert, sondern Theorie- und Praxisphasen wechseln sich fortlaufend ab, ein Prinzip, das in ähnlicher Weise auch für die parallel stattfindende Ausbildung des höheren Dienstes gilt.
Der dritte und letzte Teil galt schließlich der archivischen Infrastruktur: Gregor Jakob stellte den Geschützten Virtuellen Lesesaal (GVL) vor, ein inzwischen abgeschlossenes Großprojekt der Staatlichen Archive Bayerns. Der GVL ist am 22. Juli 2026 gestartet und gilt einheitlich für alle neun staatlichen Archive Bayerns: Nutzer/innen benötigen künftig nur noch ein einziges Kundenkonto für alle Häuser. Anfragen und Benutzungsanträge werden dabei automatisch der jeweils zuständigen Sachbearbeitung zugeordnet. Für die meisten Benutzungsanliegen genügen dabei Name, Postanschrift und Benutzungszweck, für einen Antrag auf Schutzfristverkürzung über das Internet ist hingegen eine Bund-ID oder vergleichbar erforderlich. Die analogen Lesesäle bleiben freilich parallel weiterhin geöffnet, digitale Inhalte und Dienstleistungen können auch über die dortigen PCs genutzt werden, Gebühren lassen sich künftig bequem über das landeseigene Zahlungssystem ePayBayern begleichen. Nach Abschluss der Präsentationen trat die Gruppe die Rückfahrt von München nach Marburg an.
Florian Probst / Janine Wasmuth (60. Wiss. Lehrgang)